In Scharen nackt
Wir starren Nachts
Ein Star der lacht
Zwecks Schabernack
Die nackte Schar
Ist starr vor Schreck
Der Star, er kackt
Auf Schabernack
Ein Symptomverband
In Scharen nackt
Wir starren Nachts
Ein Star der lacht
Zwecks Schabernack
Die nackte Schar
Ist starr vor Schreck
Der Star, er kackt
Auf Schabernack
Es gibt Dinge, die sind ganz einfach. Das Wirtschaftssystem, Evolutionsbiologie, Gentechnologie gehören nicht dazu. Aber Mathematik: 1 ist eine endliche Zahl. Wenn wir von 1 eine 1 abziehen, dann bleibt 0 übrig. Alles, was mit 0 multipliziert wird, ergibt 0. Wir haben 1 Planet. 0 mal Wirtschaft, 0 mal Technologie, 0 mal Politik, 0 mal Staat, 0 mal Mensch, ergibt in allen Fällen 0. Wir müssen also gut aufpassen, dass wir von unserer 1 endlichen Welt nicht so viel subtrahieren, bis wir mit 0 dastehen. Ganz einfach.
„Umweltpolitik muss mit der Wirtschaft verträglich sein“. Das ist falsch. Umweltpolitik muss nur eines: mit der Umwelt verträglich sein.
Und wie fieberhaft an Marsexpeditionen gearbeitet wird; manche sehen darin wohl eine Alternative 1. Außerdem lässt sich eine Marsexpedition deutlich besser vermarkten als Umweltpolitik. Und darum geht es doch,
oder nicht?
Ich habe einen Schluckauf
Ich schlucke auf ich schlucke ab
Ich habe einen Lebenslauf
Ich schluck ihn runter ich kotz ihn aus
Ich sehe eine Pfütze
In dieser Pfütze seh ich Stücke
Biologische Monographische
Monolithisch steh ich darauf
Ich steh in dieser Pfütze
Ziehe kreise in die Grütze
Drapiere alles zeitgemäß
Bekomme einen Harten
Von meinem steilen Gesäß
Ich setze mich darein
Und fang schon wieder an zu Spein
Diesmal bin ich klüger
Ich fange alles auf
Ich führe es mir wieder
Mit einem Schlauche ein
Jetzt fühle ich mich gut
Mein Lebenslauf geht steil Bergauf
Eines ist mir sicher
Qualifikation: Speichellecker
Mein Zwerchfell gibt noch keine Ruh
Ich schlucke auf ich schlucke ab
Mein Leben läuft den Gully runter
Schon vorbei
Was bleibt ist dieser Ekelfleck
Es ekelt mich doch bis zuletzt
Hät ich nur alles drin behalten
Gelebt hät ich bis zu den Falten
Hät andern Innen offenbart
Statt offen andre zu belügen
Damit ich meine Kreise dreh
Mir einer von mir selber steht
Und niemand niemand mich versteht
Weil ich mich nie hab selbst geliebt
Nach einer Weile
Heidi: Also so gut war es seit Wochen nicht.
Renz: Aber die Schmerzen sind noch da?
Heidi: Sie sind nicht ganz weg, aber ich kann meinen Kopf viel besser bewegen als vorher. Das ist ja Irre!
Renz (scherzend bestimmt): Nein, du bist nicht irre!
Heidi: Aber wirklich, so gut war es schon lange nicht mehr.
Renz (unbefriedigt): Aber die Schmerzen sind noch da?
Heidi: Ja.
Renz: wo genau?
Heidi ringt nach Worten, die Renz noch nicht gehört hat und führt ihre Finger wieder über die linke Schulter-Nackenpartie
Heidi: Hier so am Nacken. Der Muskelstrang ist da noch so stark spürbar.
Renz: Dann tu mal das, was ich dir sage.
Heidi bereitet sich vor
Renz: Kopf nach links drehen –
Heidi dreht ihren Kopf nach links
Renz: Kopf nach rechts drehen –
Heidi dreht ihren Kopf nach rechts
Renz: Kopf nach oben –
Heidi schiebt ihr Gesicht zur Decke
Renz: Kopf nach unten –
Heidi senkt sich demütig zu Boden
Renz: Wie ist es nun?
Heidi spürt nach
Heidi: Doch ist noch da, aber wirklich: so gut war es ewig nicht!
Renz (sichtlich unzufrieden, aber guter Dinge): Dann müssen wir noch nachbessern. Lass uns Händchen halten.
Chor: gelächter
Renz: Ja, da mach ich immer einen Witz, aber das ist besonders wichtig für die Verbindung. Ich mach das nicht nur, weil ich gerne Händchen halte.
Renz nimmt diesmal nur ihre beiden Zeigefinger, bereitet sich auf seine Trance vor
Renz: Nochmal bitte all eure Herzensliebe an Heidi. Schließ die Augen.
Einige Augenblicke später
Renz: Wie ist es jetzt?
Heidi reckt ihren Kopf in alle Richtungen
Heidi: Also es tut schon noch –
Renz springt auf, stellt sich zur ihrer Rechten
Renz: Wo genau?
Heidi (deutend): Hier so, der Nackenstrang.
Renz legt andächtig seine Hand auf ihren linken Nackenmuskel und nimmt dabei Heidis kleinen Finger ihrer linken Hand in seine rechte Hand. Er schließt die Augen, sie tut es ihm gleich. Nach einer kurzen Weile wechselt er vom kleinen Finger auf den Ringfinger, dann auf den Mittelfinger und schließlich auf den Zeigefinger. Weitere Zeit vergeht. Beide öffnen die Augen, er lässt von ihr ab in Hoffnung
Renz: Wie ist es nun?
Heidi (prüfend): Nein, also vielleicht ein bisschen besser, aber ernsthaft: so gut war es noch nie. Das ist der Hammer!
Renz: Nein, du bist auch kein Hammer. Manchmal braucht der Kopf noch etwas, bis er merkt, dass der Geist gesund ist. Du bist gesund!
Heid: Irre – Wow.
Renz: Danke Heidi und danke euch für die Herzensliebe! Wir konnten Heidi helfen kraft Ihrerselbst und dank Gott.
Ich kann jetzt noch was erzählen oder sollen wir gleich eine fantastische Meditation machen?
Heidi integriert sich nach einem letzten Händedruck währenddessen in den Chor zurück
Frau aus Chor: Erzählen.
Renz: Mh?
Frau und Mann aus Chor: Erzählen sie doch noch was, ich würde –
Renz: Meditation?
Frau aus Chor: Ja, Meditation.
Chor (einstimmend): Ja, Meditation.
Akt 3
Renz geht zu einem billig aussehenden Abspielgerät, welches seine zertifizierte Meditationsmusik bereits in CD-Form enthält. Er schaltet es an, dreht auf. Es klappert, knarzt in den Ohren. Vom Rücken her hält der Messelärm dagegen.
Renz: Ist das laut genug?
Chor: stummes Nicken
Renz: Wir setzen uns entspannt hin, mit gerader Wirbelsäule. Wir erden unsere Füße ganz bewusst. Jeder von euch formuliert nun einen Wunsch, einen Auftrag. Ihr müsst ihn niemandem verraten.
Mit markiger Stimme, österreichischer Dialekt, ist Renz versucht, sich zwischen dem Lärm bemerkbar zu machen. Er redet von unserem schweren Körper, von den Regenbogenfarben, die der Chor sich vorstellen solle –
Renz: fantastisches „Arange“, ein kräftiges Rot, ein leuchtendes gelb – und schließlich: ein göttliches Violett. Wir versinken in diesem Violett. Wir erheben unseren Geist zu diesem Violett. Nun stehen wir vor der Himmelspforte. Wir klopfen an.
Renz beschreibt, wie wir eintreten, was es dort alles schönes gibt – er scheint wohl häufiger dort zu sein –, wie wir dort geheilt werden. Dann gilt es, die Rückreise anzutreten. Wir durchlaufen alles noch einmal rückwärts – die Pforte, den Regenbogen – und kehren schließlich in unseren Körper zurück
Renz: Nun macht jeder nach eigenem belieben die Augen auf, damit ist unsere göttliche Meditation beendet.
Renz dreht die Musik ab
Renz: Ich hoffe, es geht euch allen gut – besser als vorher. Ich mach das schon ganz lang. Ich wollte euch teilhaben lassen an meiner Lebens- und Heilerfahrung. Denkt daran, was man auch im Alltag machen kann. Was jeder so für Hintergründe hat. Positives Denken ist auch positives Leben. Wenn ein Auto euch schneidet „ah dieser Idiot!“, aber wer zieht den Kürzeren? Vielleicht hatte er einen üblen Tag. Auch die vielen Bildschirme, das ist alles Stress, der macht krank. Man muss jetzt nicht aufs Handy verzichten, ich habe auch eines,
Renz zeigt sein eigenes, altes Handy hervor, auf dem ein ungewöhnliches Symbol prankt. Im Nachhinein stellt sich heraus, es handelt sich dabei um eine Energiekarte, die die schlechte Energie des Handys absorbiert.
Renz: etwas älter – aber Strahlungsärmer. Gibt es noch Fragen?
Mann aus Chor: Vor ihrer Heilung haben sie da so ein Gerät benutzt. Um was handelt es sich dabei?
Renz: Das ist ein MED-Tensor, der macht die Schmerzen sichtbar. Weitere Fragen?
Keine Fragen
Renz: Dann wünsche ich noch einen schönen Abend, kommt vorbei an meinem Stand noch bis 19 Uhr.
Renz packt ein und ab.
Ein szenisch-kritischer Dialog zu Dea Lohers Drama „Am schwarzen See“, erstveröffentlicht 2012:
A: Endlich können wir
B: Du hast recht jetzt müssen wir
A: Also es ist so
kennst du Aristoteles
B: Ich versteh schon du meinst seine
A: Ja
ganz genau seine Dramentheorie
Pause
A: Am Ende der Tragödie
steht immer die Katastrophe und schließlich die
B: Jaja die Reinigung und
A: Aber was passiert wenn die Katastrophe zu Beginn
also
vor Beginn des Dramas geschieht
B: Vermutlich bleibt eine Wunde
statt einer Heilung
B: Johnny und Else besuchen Cleo und Eddie am
A: Am Schwarzen See
B: Jaja am Schwarzen See
A: Ich dachte die kämen nicht wieder
B: Aber warum überhaupt ein Drama lesen
ohne Bühne
verstehst du
A: Was soll das
Fritz und Nina
B: Die Kinder der beiden Paare
A: Ja
die spielen die Hauptrolle und nie
nie
B: nie auf der Bühne
A: nie wieder
schweigen
Und du redest davon ob man Dramen lesen sollte
B: Hast du schonmal oder nicht
Die Unmittelbarkeit der Dialoge
Pause
Das kann keine Prosa
A: Auch keine Lyrik
B: Die Tragik liegt in der Ellipse
A: So wie in der Lyrik
Pause
B: Gespräche führen
das ist unser täglich Brot
darin lebt das Drama
darum liest man Dramen
A: Weißt du was Nietzsche
B: Nietzsche
A: Ja
Weißt du was Nietzsche zu Rhythmus in der Sprache sagte
Warten
Er sei abergläubische Nützlichkeit
der Rhythmus ist ein Zwang
gar die Götter beugen
ja sie streuben nicht
und das leise Tiktak
sägt sich in die Ein
Geweide
B: Dein jambisch ist lächerlich
A: Und die Tragödie benötigt seiner nichteinmal
bruchstückhaft um uns ohne Härte in die Knie zu zwingen
B: Und das soll gut sein
A: Das ist erschütternd
B: Vier Menschen zwei Paare
A: Ein Tetralog
Das ist Mode
B: Das passt
A: Reden miteinander
B: Übereinander
Pause
B: Gegeneinander
A: Füreinander
B: Gegen das Verschwinden
Schweigen
B: Bleibt doch einfach
A+B: Hier
Geistheiler Hannes Ranz, dicke Brille, Mitte 60, einige Zähne fehlen, Österreichischer Dialekt
Heidi
Chor (Saalpublikum)
Ein kleiner Hörsaal (#5), zum Hauptmessesaal im Löwenbräukeller geöffnet, lauter Hintergrund, Hörsaal voll besetzt (ca. 20 – 30 Personen). Auf der Bühne ein Tisch, zwei Stühle. Auf dem Tisch der Koffer des Heilers. Die Bühne weist einen umständlichen Knick auf.
1. Akt
Ranz: Guten Abend. Mein Name ist Hannes Ranz, ich bin Geistheiler und Rutengeher. Was wir von unserer Umwelt sehen sind nur 10%, der Rest ist die Feinstoffliche Ebene. Sie ist aber ausschlaggebend für unsere Gesundheit. Sie gilt es zu beeinflussen.
Ich werde erst etwas von mir und meinem Leben erzählen; das war nicht immer schön, aber jetzt geht es mir schon seit 30 Jahren gut. Dann werde ich, sofern sich jemand mit einem Wehwechen findet, eine Heilung hier vor Ort vornehmen und im Anschluss noch eine fantastische Meditation, wenn das für euch in Ordnung ist. Ist das für euch in Ordnung?
Chor: Ja.
Ranz: Ist das für euch in Ordnung?
Chor: Ja!
Ranz: Gut.
Also, wer würde sich bereit erklären, wer hat ein Wehwechen, um das wir uns heute kümmern können? Ich bin jetzt schon seit 30 Jahren schmerzfrei, davor hatte ich immer etwas – mit dem Rücken oder so –
Heidi steigt aus dem Chor empor
Heidi: Ich.
Ranz: Komm doch bitte vor.
Heidi kommt nach vorne und betritt das Parkett.
Ranz: Was hast du? Ich darf doch du sagen.
Heidi: Natürlich. Ich habe Nackenschmerzen.
Ranz bittet eine Dame aus der ersten Reihe des Publikums auf ihren Nachbarstuhl zu rutschen, damit Heidi ihren haben könne – neben ihr sind zwei Stühle frei. Dann bemerkt er, dass hinter ihm, rechts hinten auf der Bühne ein Stuhl steht. Nachdem Heidi sich platziert hatte, kommt er jedoch nicht mehr mit dem Stuhl um den Knick herum. Ein eigenwillig peinliches Gerangel, bis sie sich endlich gegenüber sitzen – unbemerkt: dass hinter ihm am Tisch ein weiterer Stuhl stand, den er mit Leichtigkeit hätte nehmen können.
2. Akt
Ranz: Heide. Warum sitzt du hier?
Heidi: Weil du gesagt hast, ich soll mich hier her setzen.
Chor lacht
Ranz: Na, aber du hast doch einen Grund, dass du hier vorgekommen ist.
Kurze Pause
Heidi: Ich habe Nackenschmerzen.
Ranz: Gut – also nicht gut. Wo genau tut es weh?
Heidi schiebt ihre Haare hin und her, um mit ihren Händen richtig anzeigen zu können, wo es schmerzt. Ranz steht auf und holt ein unerklärtes Geräte aus seiner Tasche. Ein Schwengel mit Griff und einer Holkugel vorne dran. Der Mittelteil ist lang und sehr flexibel. An der Unterseite des Griffs geht ein Kabel zu einem kleineren Holzgriff mit einem Kupferkontakt hinab. Jener Schwengel soll die betroffenen Stellen anzeigen, Ranz geht offenbar davon aus, das Publikum ist mit der Funktionsweise vertraut. Er hält den Schwengel an betroffene und unbetroffene Stellen. Manchmal dreht er dann den Schwengel heftig im Kreis, manchmal nur wenig und einige Male garnicht. Ein Muster ist nur schwer erkennbar. Immerwieder fragt Ranz zwischen, wo genau es weh tut, als sei er sich nicht ganz sicher, ob sein Schwengel den richtigen Output liefert.
Ranz (An den Chor): Geistheilung, das bedeutet, die körperlichen Schmerzen auf eine geistige, göttliche Ebene zu heben und sie dort zu heilen. So wird der Körper gesund. Ich gebe keine Heilgarantie, das kann ich auch nicht. Das ist nicht meine Entscheidung. Steh bitte auf.
Pause
Ranz: Steh auf.
Pause
Chor lacht, Heidi wirkt abwesend.
Ranz (gespielt genervt): Aufstehen!
Heidi schrickt etwas auf, steht auf.
Heidi: Achso.
Ranz schwengelt ihren Rücken entlang und spricht davon, als habe er etwas bewiesen – freilich meint er die Lokalisierung des Schmerzes – vielleicht noch mehr – nur verstanden hat es niemand. Ranz legt seinen Schwengel zur Seite, beide setzen sich.
Ranz: Du hast also Schmerzen im Nacken.
Heidi: Ja.
Ranz: Was ist die Diagnose?
Heidi: Es ist eben hier so am Nacken, an der Nackenwirbelsäule, wie eine Skoliose.
Ranz: Gab es einmal einen Unfall?
Heidi: Nein.
Ranz: Vielleicht ein persönliches, schlechtes Erlebnis in ihrem Leben? Misshandlung?
Heidi etwas betreten
Ranz: Du musst das nicht erzählen.
Heidi schweigt grübelig
Ranz: Irgendwas schlimmes in deinem Leben?
Heidi: Naja, also sicher gab es da das ein oder andere.
Ranz: Dann lass uns einen Auftrag formulieren (zum Chor) man braucht ja einen Auftrag um zu arbeiten. Was ist dein Auftrag?
Heidi wieder betreten
Ranz: Was willst du von mir?
Kurzes schweigen
Ranz: Na es gibt doch einen Grund, warum du hier bist.
Heidi: Ja also ich will, das mein Nacken nicht mehr weh tut.
Ranz (zum Chor): Ist das ein guter Auftrag?
Chor (durcheinander): Ja – Nein – das muss man ganzheitlich formulieren – passt schon – das ist doch nur das Symptom, nicht die Ursache —
Ranz (selbstzufrieden): Also kein guter Auftrag.
Heidi: Ja, ich weiß nicht.
Ranz (bohrend): Was ist mein Auftrag für dich?
Heidi: Ich will gesund werden –
Ranz (unterbricht): Na aber aber, wann trifft man Entscheidungen?
Heidi überlegt kurz
Heidi: Jetzt.
Ranz: Genau. Was ist also dein Auftrag?
Heidi versteht nicht.
Ranz (eine Antwort entlockend): „Ich bin
Heidi: gesund.“
Ranz: Na eben. Bescheiden, aber umfassend.
Alle lachen
Ranz: Gut, dann gib mir bitte deine Hände.
Heidi legt ihre Hände in seine
Ranz: Hier wird gleich Energie fließen, du, Heidi, wirst es auch spüren. Wenn ich dann gleich in Trance gehe (zum Chor) müsst ihr all eure Herzensliebe an Heidi senden, ich brauche eure Hilfe! Heidi, schließ bitte die Augen und denk an den schönsten Moment deines Lebens. Wenn du soweit bist, sage: jetzt.
Heidi schließt die Augen. Einige Momente vergehen, bis sie den schönsten Moment ihres Lebens abgerufen hat. Ranz drängt.
Ranz: Bist du so weit?
Heidi: Ja.
Ranz: Dann sag: jetzt.
Heidi: Jetzt.
Ranz (an Chor): Schickt jetzt eure Herzensliebe!
Ranz schließt ebenfalls die Augen. Einige Zeit geschieht nichts. Sie sitzen mit geschlossenen Augen, reglos, händehaltend. Der Messehintergrund ist laut. Der Chor schickt seine Herzensliebe.
Beide öffnen die Augen. Ranz erwartungsvoll, Heidi verwirrt. Sie beginnt ihren Hals zu bewegen.
Fortsetzung folgt…
Meine Nichte hat vor wenigen Tagen folgenden Dialog im Bus zwischen zwei Problemvierteln erlauscht:
K: Weißt schon. Ich schau voll gern so Pr0n! Ohne wär ich voll unruhig, weißt?
T: Ja, versteh schon. Wenn da so ne geile Sau sich sein riesen Teil reinschiebt und dann so hart kommt.
K: Ja, das ist mega! Mir ist das letztens auch so in echt passiert. Ich war so hart und dann ist sie so krass gekommen! Mit spritzen und so, weißt?
T: Nein man, glaub ich dir nicht.
K: Doch ey! – und es war deine Mutter!
T: Halt mal‘s Maul, man! Du mit deinem kleinen Penis!
K: Mein Ständer ist voll groß, ja! Der hat deine Mutter zerstört!
T: Meiner ist größer, da würde dir hart der Arsch bluten, glaube mir.
Dieses Gespräch hat zu keiner Zeit statt gefunden und ich habe auch keine Nichte.
Folgendes hingegen ereignete sich so oder so ähnlich zum Neujahr 2018:
K: Ich habe einen Knopf.
T: Ich habe einen größeren Knopf.
„Ich ficke Babys!“ Ein Buch, dessen erster Satz so beginnt, versucht offensichtlich Aufreißer zu sein. Die Rede ist von Urs Allemanns Babyficker, veröffentlicht 1991. Der Autor – seinem Werk gefolgt, vornehmlich Lyriker – ist die letzten Jahre nicht sonderlich im Gespräch gewesen, ebenso wenig wie jenes Buch, von dem hier die Rede sein soll. Doch bei Veröffentlichung war der Aufriss groß: Die Erzählung gewann im selben Jahr den Literaturpreis Kärnten. Der Jury wurde soeiniges vorgeworfen, wie auch Allemann, dessen wohlwollende Kritiker am ehesten noch das Kalkül mit dem gewollt provozierten Schock beklückwünschten. Die Jury verteidigte Allemanns Erzählung – allen voran Hellmuth Karasek – mit der Versicherung, es sei der kunstvollste Text gewesen; ja er hätte gar, so Karasek, den Bachmann-Preis verdient: „Die Kunst ist über jeden Inhalt groß“, zitiert Karasek Rilke.
Die Pole liegen hier weit auseinander, das merkt man rasch. Einerseits das perverse, schmuddelige Un-Werk, von dem man nicht weiß, ob es zu Zweifeln an der Jury oder am Autor veranlassen soll; andererseits das Artistische am Schockierenden, der ästhetische Schein. Diese Wunde möchte ich, über zwanzig Jahre später, noch einmal aufschneiden, will meinen Finger hinein legen und prüfen, welche Seite dem Schmerz länger stand hält. Aber warum überhaupt einen bereits etwas eingestaubten, kaum mehr verfügbaren und längst vergessenen Skandal in die Literaturkritik hinein nehmen?
Man kennt Literaturkritik vor allem als Instanz, die das Neueste vom Neuesten bespricht. Da sie Debattenkultur ist, darf sie auch mal ins blaue schießen und hoffen, das jemand „Aua“ sagt. Eröffnet man das Feuer auf ältere Bücher, trifft man wohl kaum jemanden. Zu bedenken ist dieses: Ist ein Buch erst einmal herausgegeben und auf dem Markt, bleibt es eine Weile. Immerhin können wir noch heute Teile der Edda und die Ilias lesen. Nur weil ein Buch nicht aktuell ist, ist es nicht weniger lesenswert oder weniger miserabel als zur Veröffentlichung. Die Frage ist aber: Wie lesen wir die Bücher heute? Die Literaturkritik täte gut daran, sich auch um die Aktualisierung der literarischen Tradition zu bemühen. Damit demonstriert man – entgegen dem Markt –, dass Bücher auch länger im Gespräch bleiben dürfen als ökonomisch sinnvoll und gibt genuine Impulse aus unserer eigenen Geschichte heraus, die sich nicht decken mit Literatur- und Rezeptionsgeschichte. Wollen wir also zurück zu unserem Patienten: dem Babyficker.
Wir wissen nicht viel über ihn: keinen Namen, keine Herkunft. Er wohnt in einer Mansardenwohnung, hat zwei Bekanntschaften (Paul und Linda, zwei Allerweltsnamen) und in seiner Wohnung hält er sich ungezählt viele Säuglinge, die er mit Morphium in der Milch ruhig hält. Linda, so die Hauptfigur, hege wohl einige Sympathie für ihn, würde ihn gerne von den Babys los bekommen und schwankt zwischen Zuneigung und Frust, während sie sich mit Paul verdingt. Dass der Babyficker nur an das Eine denkt, scheint ein offenes und zwar nicht in gänze akzeptiertes, doch geduldetes Verhalten zu sein.
Genau genommen wissen wir aber noch viel weniger über die Hauptfigur. Was wir eigentlich von ihm wissen ist nicht einmal, ob er tatsächlich Babys fickt. Es ist etwas anderes: „Ich ficke Babys! Das ist mein Satz.“ Wir können kaum sagen, was fantastisch und was faktisch ist von dem, was der Erzähler uns vorlegt. Denn es geschehen unter anderem wahnhaft erscheinende Dinge wie wachsende und schrumpfende Babys und die Ersetzung von Körperteilen durch Babys. Wir wissen auch nichts darüber, woher die vielen kleinen Säuglinge kommen sollen. Der wahnhaften Spinnerei zum Trotz überkommt den Leser in jeder Zeile das Grauen. Er spricht von den Öffnungen, von seiner engen Verbundenheit, von den pragmatischen Notwendigkeiten – wie etwa dem Morphium – ganz offen; und niemand – nicht Paul, nicht Linda – unternehmen etwas. Er und die Säuglinge in der Mansarde: sie haben ihre Ruhe und ihre Freude.
Nun habe ich bereits erwähnt, dass wir nicht wissen, ob wir den Schilderungen des Erzählers trauen können. Woher also der Schrecken? Das Buch führt uns vor Abgründe. Doch es ist subtiler als ein zu einer Erzählung gewordener Poltergeist. Vergleicht man andere Bücher, die Gräueltaten thematisieren, wie etwa de Sades 120 Tage von Sodom, ist entscheidend, dass jene Bücher von den Taten der anderen handeln. Die Abgründe in unserer Erzählung sind nicht die eines Babyfickers, es sind die Abgründe unserer Sprache. Der Erzähler zeigt uns, wozu unsere Sprache fähig ist, die wir sowohl alle miteinander teilen, als auch jeder für uns gebrauchen. Der Babyficker – genauer: die Sprache des Babyfickers – wird zur Causa für uns und für jeden einzelnen. So wird aus dem Sprachspiel, dass auf 80 Seiten durch exerziert wird, Ernst und der Leser kann sich dem bitteren Geschmack nicht verschließen, denn es geht auch um ihn selbst als Babyficker.
Die heftige Reaktion beim Lesen macht das künstlerische des Werkes in diesem Fall aus. Denn der Leser wird nicht einfach an ein Grauen heran geführt, er kann das Grauen nicht abschütteln und geht also weit über bloße Empörung über ein unanständiges Buch hinaus. Wenn man diese Bewegung reflektiert, ist die Entscheidung der Jury vollkommen nachvollziehbar; aber auch die Beanstandungen der Schlächter: sie mögen exakt gelesen haben, aber es ist ihnen nicht gelungen, einen Schritt zurück zu treten und zu Fragen: „Was geschieht?“, was man ihnen nicht verübeln kann. In diesem Sinne muss ein solches Buch gewisse Bauernopfer in Kauf nehmen, das war dem Autor sicherlich gewiss. Wesentlich standhafter und schmerzfreier sind da die Juroren und alle Leser, die sich als weniger reaktionär bewiesen haben.
Allemann, Urs (1991): „Babyficker. Erzählung“, Wien: Deuticke 1992. ISBN: 3 216 30012 9. 80 Seiten.
Nächtliche Umtriebe fassen die Herzen, nochmehr den Verstand und
Ziehn in die Stadt für Gelage, nur schnell denn sonst kommt die Vernunft und
Tübingens Drei*, je mit Bier in der Hand, ragen tief in die Stadt und
Älter die Nacht, gleich seniler die hohlen, vielleicht in der Vorzeit
Brauchbaren Birnen. Nebst Bier gab es Schnaps und im Wein: da liegt Wahrheit.
„Damit“, sagt einer, „stößt alle Welt an!“, doch wahrhaftig bleibt letztlich
Endlich bloß nur der spät-nächtliche Döner, verschmiert in Gesichtern:
„Bester der Welt!“ Für die Drei ist das klar. Noch ein Bier oben auf und
Schluss mit dem Denken, jetzt wird funktioniert und mit schwindendem Grips noch
Stiftwärts marschiert und so heiß diskutiert, bis die Münder versagen,
Reiz zu beweisen: die Welt ist gesetzt, denn das sehen wir ja; sie
Gründlich verstehen klappt nur durch Ideen, ihr Ursprung und Ende.
Trotzalledem, als dann garnichts mehr ging, blieb das Amusement der
Eigenen Namen und gleich wie die Kinder gab’s kein Halten, aber
Wenn sie im Recht bleiben, müssen wir hoffen, dass unsren Besoffnen
Morgens dann doch noch die Nummer des Weltgeists im eigenen aufploppt!
*Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wilhelm Friedrich Joseph Schelling und Johann Christian Friedrich Hölderlin.
Mit einem Skalpell
Hätte ich dir gerne eine
Deiner vollen Blüten
Vom Rest deines Armes
Abgetrennt
Gepresst, geliebt
Für immer