P.s Blatt. Eine Posse

Morgens um fünf Uhr begann die Invasion. Als Oberbefehlshaber des Militärs stand es ihm frei, den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Der richtige Zeitpunkt war jetzt.

Eigentlich wusste er gar nicht, wie das geht: Krieg führen. Vor sich drückte er ein paar Knöpfe, telefonierte mit dem Vorzimmer: noch keine Reaktionen aus dem Ausland. Kein Wunder. Viel zu früh. Die anderen schliefen bestimmt noch.

Er war aufgeregt; sehr! Eigentlich arbeitete er schon seit Jahren darauf hin. Er war nicht immer konsequent, manchmal drängten sich andere Projekte in den Vordergrund. Da war diese Finanzkrise – viel zu kompliziert! –, das Aufbegehren der Homos – was wollten die eigentlich nochmal? –, seine neue Band – nie den richtigen Sound gefunden…

Es war nicht einfach. Erst ist er am Mikrofon gewesen, er hatte schließlich eine mordsgute Endstufe! Aber sie waren sich schnell einig: wenn sie an den Erfolg von den Scorpions anknüpfen wollten, dann durfte er nicht singen. Also nahm er die Gitarre in die Hand. Seine erste Gitarre hatte er sich damals von seinem Preisgeld eines Judowettkampfes gekauft. Sie war wundervoll, schlanker Hals, flache Saitenlage, aber einfach zwei linke Hände (oder zwei rechte, das war auch schon egal). Sie versuchten es trotzdem, denn eigentlich wollten sie schon zusammen spielen und nicht noch jemanden vorsprechen lassen müssen. Bruderschaft war wichtiger, als Erfolg! Die Ernüchterung stellte sich leider auch so ein, gar nicht überraschend eigentlich. So blieb ihm nur eine Möglichkeit: seine Macht als präsidialen Führer nutzen und den Medien auftragen, seine neue Band und ihn in ein gutes Licht zu rücken. Sie konnten sich kaum retten vor Anfragen! Durfte natürlich niemand erfahren, dass sie gar nicht richtig spielen konnten (auch noch wegen ihm!). Gab also keine Auftritte, nur Talkshows, ein paar geschönte Aufnahmen und ein Musikvideo (Eurobitches zwischen antiken Amphoren, das war sein Stil).

Nun also Krieg. Er wippte beschwingt auf seinem Sessel, drückte seine Backen ins Polster und schaute selbstzufrieden durch den Raum. Sein eigener Warroom. Die Generäle würden sicher bald kommen. Über seinen Rücken fuhr ein wohliges Kribbeln. Er fühlte sich gut und nickte mit Anerkennung ins Leere.

Das Ziel war klar – aber Verschlusssache. Nur wenige Menschen aus seinem Umkreis wussten davon, doch einer wusste es genau: W. Es begann vor dreißig Jahren, als sie noch in einer Nachbarschaft gewohnt hatten. Sie waren um die zwanzig Jahre oder so, ist eigentlich auch nicht wichtig. Jünger jedenfalls als heute. Und sie stritten. Leidenschaftlich! Es ging immer um dasselbe Blatt weißes Papier, bis heute. Bis jetzt. Nun würde er es sich mit all seiner Härte zurückholen. „Wären doch nur meine Riffs so hart gewesen wie das Donnern meiner Panzer“, dachte er bei sich.

Sie lag in ihrem Bett. Neujahr. Keine Vorsätze. Nur zerhackte Bruchstücke einer Sprache, die sie seit ihrer Kindheit immer missverstand. Sie bewegte sich kaum, während sie aus dem Fenster starrte und den Wolken dabei zusah, wie sie Stunde um Stunde dunkler wurden, bis es Nacht war. Sie hatte gestern zu viel getrunken, das schon, aber das erklärte nicht das hohe Gewicht, das sie in die Matratze drückte. Ein Blick auf die Uhr. Alles bedeutete etwas. Der Schmerz. Sie spürte Schmerz. Es war der Schmerz zukünftiger Jahre. Die Jahre, in der alle ihre Freunde, all ihre Familie diese Welt bereits verlassen hatten. Wo war ihre Würde, wo die Philosophie? Was erinnerte sie daran, dass es kein Leben ohne Tod gäbe? Sie selbst. Aber das half nichts gegen die Endgültigkeit des Todes. Wissen kleiner Last. Sie dachte über Selbstmord nach. Merkwürdig, nicht? Wie dieser Satz nur missverstanden werden konnte. Sie wollte sich nicht umbringen: keine Vorsätze für das neue Jahr. Sie konnte auch nicht ausschließen, dass eine Psychologin ihr Zwangsgedanken unterstellte. Aber das war gerade nicht wichtig. Wichtig war, dass alle sterben werden. Alle.

Du gehst immer schlechter
Deine Knochen spröde
Dünne Kalkschichten halten dein Mark

Du optimierst dein Gebrechen
Verwaltest dich risikoarm
Verklärst deine Schwächen

Weißt du nicht
Dass Gelenke wachsen dort
Wo es bricht

Wirst du es wagen

Oder nicht.

Ich suche nach Denkbildern, die den Fluss nicht behindern. Die Emulsion könnte eines sein. Wenn Substanzen aufeinander treffen und sich scheinbar grenzenlos miteinander verbinden, ohne dasselbe zu sein und zu werden. Etwas Anderes formen, sich gleichsam wieder voneinander trennen können, verflüssigen und verflüchtigen. Die semantische Offenheit des Bildes soll seine dichte bedingen.

Ich sitze. Nicht in einer Tagung. Vor einer Tagung. Vor einem Bildschirm. Vor Gesichtern und Sätzen. Verstehen Sie? Vor. Fremdheitserfahrungen im eigenen Zimmer. Ich falle nicht auf. Ich falle vor, ich bin ein Vorfall. Ich verliere mein Ich im Spiegelkabinett meiner Wände. Nicht einmal ein Wer. Nur mehr ein Was. Wie ein Wort, das man wiederholt; und wiederholt; und wieder holt; und wie der holt; undwi ederho lt; bis es sich selbst nicht differenziert. Es wird vom eigenen Gewicht bezwungen. Es wollte mal etwas bedeuten. Aus eigener Kraft kann es das nicht mehr. Aber niemand da.

Blau

Blau. Mehr konnte ich nicht wahrnehmen, etwas anderes sah ich nicht. Es waren Formen und etwas Junges und Ungeschicktes, aber so sehr Liebenswertes an ihr. Aber das sind nur belletristische Formulierungen.

Tatsachen.

1. Ihr Gesicht war Zucker. Ein leuchtender, unschuldiger Mond mit zarten Lippen unter einer geblümten Maske, eine goldene Brille, die ihr sehr gut stand und verlängerte Wimpern, wie das so Mode war und dem Zucker etwas, eine kleine Prise Schärfe verlieh. Dazwischen schokobraune Augen.

2. Leichtes, langes Haar, voluminös am Ansatz. Zwischen schwarzbraun und dunklem rot schimmernd. Das Haar, mit dem sie gerne unauffällig spielte, bedeckte ihre Schultern.

3. Ihr obszön weiblicher Körper, nur bedeckt von einem etwas zu engem, etwas zu kurzem Trägerhemdchen in Blau. So viel Blüte und Frucht, so knapp bedeckt. Sie war der Frühling und die verdorbene Maria. Eine nährende Aura ging von ihr aus.

Scheiße.

Ich glaube, sie flirtet mit mir.

Ich glaube, sie sieht immer her.

Ich glaube, sie streckt sich absichtlich provokant und zieht ihr enges Top nach unten zurecht, presst ihr großen Brüste nach oben.

Ich glaube, sie hat mich heimlich fotografiert, ich habe extra dafür posiert.

Ich glaube, sie weiß, dass ich sie heimlich fotografiert habe.

Wir sitzen im Zug, ICE von Hamburg nach München, schräg gegenüber. Hannover.

Ich sitze scheinbar auf einem reservierten Platz. Hat sie sich gerade über den Tisch ihres Viererplatzes gebeugt, damit ihre schweren Brüste ihr Decollete freilegen?

Ich rücke eine Sitzreihe nach vorne. Sie ist keine zwei Meter mehr von mir entfernt. Sie ist mit ihrem kleinen Bruder unterwegs, spricht mit ihm über den Tisch hinweg. Ich weiß nicht, was ich zu denken habe.

So wie sie da sitzt, in die Ecke gelehnt, scheint die Sonne zwischen ihren Brüsten durch ihr Oberteil. Jede Bewegung von ihr spricht. Ich zweifle. Kann das sein?

Ich verzweifle. Ich will, dass sie mich will und ich will sie. Unsere Blicke treffen sich zum ich weiß nicht wievielten Male, meine Lust zu ihr wirkt zwischenzeitlich vertraut. Sie fährt mit ihrer Hand zwischen Oberteil und Brust in ihrem BH, doch sie richtet nichts. Sie streichelt. Oder kratzt sie sich?

Bordservice. Ein kaltes Getränk täte mir gut. Er bedient die Person neben mir. Offensichtlich legen wir es beide darauf an: Unsere Blicke haften unerträglich lange aneinander. Was dann doch sehr kurz ist. Im Ausweichen sehe ich, dass jetzt Reservierungen angezeigt werden: Hamburg – Fulda. Ich muss nach München. Wie alt ist sie überhaupt? Jung.

Zu jung? Ihr Bruder steht auf, um auf die Toilette zu gehen. Jetzt. Jetzt steigt der vorprogrammierte Frust auf. Ich würde gerne Schreien

ICH WILL DICH!

aber ich wusste vom ersten Moment an, dass ich das nicht tun werde. Vielleicht lebe ich nur noch für meine ungestillten Vorstellungen.

Die Landschaft. Göttingen. Kassel. Wollust. Ein archaisches Wort. Noch zwanzig Minuten bis Fulda. Die Reservierungen werden unterdessen nicht mehr angezeigt. Was wird geschehen? Sie sieht, dass ich schreibe. Ich schreibe in großen Lettern

ICH WILL DICH!

und drehe mein Heftchen um.

Ich bin aufgeregt. Wird sie es sehen? Ich fühle mich albern. Wird sie es sehen? Ich fühle mich klein – immer kleiner. Wird sie es sehen? Ich brauche ihre Nahrung

Sie steigt aus. Ich glaube, ihre Mutter hat sie gerade vom Bahnhof abgeholt.