tanzPARADIGMA

Ich besuchte vor kurzem eine Aufführung von PARADIGMA, ein Ballettabend, choeographiert von Russel Maliphant, Sharon Eyal und Liam Scarlett zur Musik von Barry Adamson, Ori Lichtik und Sergej Rachmaninow. Ich war ergriffen. Jedes Mal aufs Neue stellen sich mir die gleichen Fragen beim Zuschauen, aber in anderer Weise, als ich sie mir Zuhause stellen könnte. Im traditionsreichen Opernhaus zu sein, ist an sich Anlass, sein Denken zu ver-stehen. Ich habe mich dem alltäglichen enthoben. In den prunkvollen Wandelhallen findet ein Schaulaufen statt. Eine der Gardienne arbeitet an ihrer Performanz, um ihrer offenbar zwanghaften Nervosität Luft zu verschaffen. Sie stakst, tänzelt, berührt Dinge, als gäbe es Linien im Raum, denen sie Folge zu leisten hat. Ihr Gesicht: stumm. Ich trete in den Saal. Es ist keine herrschaftsfreie Umgebung, die Hierarchien sind eindeutig an den Sitzen abzulesen, allen voran die Königsloge zwischen den meterhohen Statuen. Ich setze mich. Hinter mir Stehplätze, ausgestattet mit einem bauchhohen Geländer für den über Stunden immer müder werdenden Oberkörper. Auch die Stehplätze sind nummeriert, was mir nicht aufgefallen wäre, wenn nicht pro Platz das Samt an den Wänden von den daran gedrückten Hintern abgerieben wäre. Löcher der physischen Ermüdung von Leib und Material. Doch getragen werden alle Zuschauerinnen und Zuschauer von der Energie des Tanzes, egal auf welchem Platz. Für einen kurzen Moment blitzt die Illusion auf, dass wenigstens alle in diesem Saal gleich sind. Bis zum Zeitpunkt, an dem man merkt, dass man vom eigenen Platz gar nicht die ganze Bühne sehen kann. Für diese Fragen bin ich aber nicht hier.

Im Tanz drückt sich mir eine unbegriffliche Sehnsucht aus. Ein Körperverständnis, das mir transzendent leuchtet. Die Tänzerinnen und Tänzer strahlen in alle Richtungen ab, blenden den biologischen, den physikalischen Menschen. Entgeht mir etwas am Menschsein, weil ich selbst nicht tanze?

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