In der Fluchtlinie deines Zuhauses und eines nahegelegenen Lidls befindet sich ein kleines Bordell. Du hast dich schon häufig gefragt, warum man die Sexarbeiterinnen nie zu Gesicht bekommt. Die Antwort ist vermutlich ganz einfach: Sie sehen in ihrem Alltag aus, wie alle anderen Menschen auch. Heute jedoch war die Ausnahme. Aus dem Gebäude des Bordells ging eine gut, aber gezielt unbetont gekleidete Dame Richtung Discounter, um etwas einzukaufen. Durch die dunkle Sonnenbrille schienen sehr lange, gemachte Wimpern. Die Sonnenbrille saß auf erhöhten Wangenknochen. Stark aufgespritzte Lippen waren mit Lipgloss benetzt. Unter der Baseballcap drang wallendes, gefärbtes Blond. Der weite Pullover hatte Schwierigkeiten, die immens großen Silikonbrüste zu verdecken. Der dünne Mantel legte sich auf einen Brasilianbutt. An dieser Person war alles vergrößert, versetzt oder entfernt, was sich mit chirurgischen Mitteln machen ließ, mit dem Ziel, perfekte Gleichförmigkeit zu erreichen, mit dem Ziel, ideal übersteigerte Fortpflanzungsbedingungen zu mimen; kurz: fuckability auf ein Extrem zu steigern. Sie war durch und durch künstlich. Ein Kunstprodukt einer gänzlich kultivierten Gesellschaft. Kult – Kultur – kultiviert – Kunst. Alles ein Symptomverband. Sie ist die Ikone dieses Zusammenhangs und opfert viel dafür. Sie setzt ihre körperliche Unversehrtheit aufs Spiel. Sie schränkt sich in ihrer Beweglichkeit ein. Sie zahlt viel Geld und Zeit für die Operationen und die Genesung. Ein leuchtendes Symbol unserer Kultur in einem schattigen Bereich unseres Oikos.

Preisträger des Berliner Hörspielfestivals!

Mit meinem Hörstück Substanz darf ich mich zu den diesjährigen Preisträgerinnen des Berliner Hörspielfestivals zählen! Zusammen mit Moritz Hanfgarn (Eine Landschaft der geneigten Köpfe) teile ich mir den dritten Platz um das kurze brennende Mikro. Ich freue mich mordsmäßig und möchte allen, die dieses Festival möglich gemacht haben — auch allen Zuhörerinnen — danken.

Die Festivalmitschnitte sind hier zu finden:

Die Zwischenwelt der Holobiente

Zur documenta fifteen hat das Kunstkollektiv La Intermundial Holobiente um die Künstlerin Claudia Fontes, die Philosophin Paula Fleisner und den Schriftsteller Pablo Martín Ruiz versucht, einem Komposthaufen zu seinem Gehör zu verhelfen. Es legte sich beim Betreten von Seiten der Orangerie ein Theaterschein auf den Ausblick. Zum leichten Windzug waberte ein gigantisches, pointilistisches Transparent – und es war tatsächlich blickdurchlässig – mit dem Motiv des Anblicks auf den Ausblick. Es überlagerte ihn. Eine Wiederholung des Sichtbaren, dass das Besehene ständig veränderte. Es war an zwei Wetterballons und mehreren Erdhaken befestigt und dem Spiel des Windes ausgeliefert, jedoch träge. So träge sich die schweren mit Helium befüllten Wetterballons von der Luft bewegen ließen. Jede kleine Bewegung war eine Mikro-Wiederholung und plötzlich sah nichts mehr so aus, wie es zuvor war. Haben die Bäume und ihr imaginiertes Abbild ihre eigenen Fragen gestellt? Das sind die Holobiente. Alle Wesenheiten, auch die imaginären und bündnishaften, reagieren und fragen in Zwischenwelten hinein. Ein Projekt gegen den Anthropozentrismus.

In der Kassler Karlsaue besteht dieser große Sammelplatz für allerlei Garten- und Holzabfälle, die bei der Parkpflege anfallen. Es lohnt sich bestimmt, ihm zuzuhören, diesem großen Organismus, dessen Bewusstsein sich aus allen Prozessen und Organen zusammensetzt, die ihn ohne höheres Wesensprinzip bevölkern. Nicht anders als beim Menschen und doch grundverschieden. Wir wissen nicht, was es bedeutet, ein Komposthaufen in einer vormaligen Auenlandschaft zu sein; wir kennen nur die menschliche Artikulation aus Gesten, Mimiken und Sprache. Der Ausweg aus dieser Zentralstellung ist die Phantasie, die Vorstellungskraft für die Fragen und Aussagen des Nicht-menschlichen. Den Anthropozentrismus zu überwinden geht nur mit Kunst.

Es beschleicht mich eine Furcht, dass alles, was Zusammenhänge erklärt, alles, was die uns umgebende Welt besser verständlich macht, kapitalistisch ausgebeutet und abgegriffen werden wird. Deshalb soll meine Philosophie nichts erklären. Sie soll eine Verunsicherungspraxis sein und erschaffen.

Ich würde gerne eine Sprache sprechen, die immun ist gegen eine kapitalistische Vereinnahmung und infolge eine Abschleifung. Ich denke an Walter Benjamin, der sich für seine Begrifflichkeiten erhofft hatte, sie seien für den Faschismus untauglich (Walter Benjamin: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit“).

Aus dem Leben eines Flaschensammlers

Ein Flaschensammler hatte das Bedürfnis, mit mir über seine ökologischen Sichtweisen zu sprechen. Er hatte gesehen, wie ich den heruntergefallenen Kronkorken meines Bieres aufhob und wegsteckte. Er hielt das für überflüssig. Nachdem ich ihm erzählt hatte, dass es sich einfach nicht gehöre, vor die eigene Hütte zu scheißen, holte er aus zum Öko-Krieg: Wenn wir jene Länder mit unwiederbringlichen und unverzichtbaren Umweltressourcen, wie etwa den Amazonas, nicht militärisch unter Druck setzen würden, dann ginge unser Habitat ohnehin vor die Hunde. Er sah darin den Ausdruck natürlicher Auslese. Denn der Mensch sei seiner Ansicht nach der evolutionäre Abwehrmechanismus von Gaia, unserer Erde. Nachdem die ersten Lebewesen weitestgehend von Naturkatastrophen wie Meteoriteneinschlägen ausgelöscht wurden, musste ein Lebewesen entstehen, dass in der Lage sei, solche Katastrophen zu verhindern – zum Beispiel durch Technologie. Darin sah er die Bestimmung des Menschen, den Zweck von Technologie, und die Rekonstruktion des evolutionären Drucks. Leider hätte die Menschheit an einer Stelle in ihrer Geschichte eine falsche Abzweigung genommen, sie würde gerade ihre Bestimmung verfehlen.

Ich bin davon überzeugt, dass man die Fragen nach Sinn des Lebens und Sinn von Leben unterscheiden sollte. „Was ist der Zweck des Lebendigen?„, und „Was ist ein sinnvolles Menschenleben?“ sind sehr distinkte Fragen. Gibt es überhaupt einen Zusammenhang? Die Knotenpunkte könnten anders beschaffen sein, als erwartet.

Nominierung zum 13. Berliner Hörspielfestival 2022

Liebe Leser*innen,

Nun ist es offiziell: meine Produktion Substanz ist für das Hörspielfestival 2022, vergeben durch den Hörspielfestival Berlin e.V. in Kooperation mit der Akademie der Künste Berlin, in der Kategorie kurzes brennendes Mikro nominiert! Die Erstveröffentlichung wird vor Ort stattfinden. Ich bin überrascht und erfreut und begeistert! Dank an Sophia Holzmann für die Mitwirkung und all die hilfreichen Kritikerinnen und Kritiker! Alle Infos zum Festival, dass vom 2.9. bis 4.9. stattfinden wird, in Kürze unter folgendem Link:

https://berliner-hoerspielfestival.de/