Aus dem Leben eines Flaschensammlers

Ein Flaschensammler hatte das Bedürfnis, mit mir über seine ökologischen Sichtweisen zu sprechen. Er hatte gesehen, wie ich den heruntergefallenen Kronkorken meines Bieres aufhob und wegsteckte. Er hielt das für überflüssig. Nachdem ich ihm erzählt hatte, dass es sich einfach nicht gehöre, vor die eigene Hütte zu scheißen, holte er aus zum Öko-Krieg: Wenn wir jene Länder mit unwiederbringlichen und unverzichtbaren Umweltressourcen, wie etwa den Amazonas, nicht militärisch unter Druck setzen würden, dann ginge unser Habitat ohnehin vor die Hunde. Er sah darin den Ausdruck natürlicher Auslese. Denn der Mensch sei seiner Ansicht nach der evolutionäre Abwehrmechanismus von Gaia, unserer Erde. Nachdem die ersten Lebewesen weitestgehend von Naturkatastrophen wie Meteoriteneinschlägen ausgelöscht wurden, musste ein Lebewesen entstehen, dass in der Lage sei, solche Katastrophen zu verhindern – zum Beispiel durch Technologie. Darin sah er die Bestimmung des Menschen, den Zweck von Technologie, und die Rekonstruktion des evolutionären Drucks. Leider hätte die Menschheit an einer Stelle in ihrer Geschichte eine falsche Abzweigung genommen, sie würde gerade ihre Bestimmung verfehlen.

P.s Blatt. Eine Posse

Morgens um fünf Uhr begann die Invasion. Als Oberbefehlshaber des Militärs stand es ihm frei, den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Der richtige Zeitpunkt war jetzt.

Eigentlich wusste er gar nicht, wie das geht: Krieg führen. Vor sich drückte er ein paar Knöpfe, telefonierte mit dem Vorzimmer: noch keine Reaktionen aus dem Ausland. Kein Wunder. Viel zu früh. Die anderen schliefen bestimmt noch.

Er war aufgeregt; sehr! Eigentlich arbeitete er schon seit Jahren darauf hin. Er war nicht immer konsequent, manchmal drängten sich andere Projekte in den Vordergrund. Da war diese Finanzkrise – viel zu kompliziert! –, das Aufbegehren der Homos – was wollten die eigentlich nochmal? –, seine neue Band – nie den richtigen Sound gefunden…

Es war nicht einfach. Erst ist er am Mikrofon gewesen, er hatte schließlich eine mordsgute Endstufe! Aber sie waren sich schnell einig: wenn sie an den Erfolg von den Scorpions anknüpfen wollten, dann durfte er nicht singen. Also nahm er die Gitarre in die Hand. Seine erste Gitarre hatte er sich damals von seinem Preisgeld eines Judowettkampfes gekauft. Sie war wundervoll, schlanker Hals, flache Saitenlage, aber einfach zwei linke Hände (oder zwei rechte, das war auch schon egal). Sie versuchten es trotzdem, denn eigentlich wollten sie schon zusammen spielen und nicht noch jemanden vorsprechen lassen müssen. Bruderschaft war wichtiger, als Erfolg! Die Ernüchterung stellte sich leider auch so ein, gar nicht überraschend eigentlich. So blieb ihm nur eine Möglichkeit: seine Macht als präsidialen Führer nutzen und den Medien auftragen, seine neue Band und ihn in ein gutes Licht zu rücken. Sie konnten sich kaum retten vor Anfragen! Durfte natürlich niemand erfahren, dass sie gar nicht richtig spielen konnten (auch noch wegen ihm!). Gab also keine Auftritte, nur Talkshows, ein paar geschönte Aufnahmen und ein Musikvideo (Eurobitches zwischen antiken Amphoren, das war sein Stil).

Nun also Krieg. Er wippte beschwingt auf seinem Sessel, drückte seine Backen ins Polster und schaute selbstzufrieden durch den Raum. Sein eigener Warroom. Die Generäle würden sicher bald kommen. Über seinen Rücken fuhr ein wohliges Kribbeln. Er fühlte sich gut und nickte mit Anerkennung ins Leere.

Das Ziel war klar – aber Verschlusssache. Nur wenige Menschen aus seinem Umkreis wussten davon, doch einer wusste es genau: W. Es begann vor dreißig Jahren, als sie noch in einer Nachbarschaft gewohnt hatten. Sie waren um die zwanzig Jahre oder so, ist eigentlich auch nicht wichtig. Jünger jedenfalls als heute. Und sie stritten. Leidenschaftlich! Es ging immer um dasselbe Blatt weißes Papier, bis heute. Bis jetzt. Nun würde er es sich mit all seiner Härte zurückholen. „Wären doch nur meine Riffs so hart gewesen wie das Donnern meiner Panzer“, dachte er bei sich.

Ich sitze. Nicht in einer Tagung. Vor einer Tagung. Vor einem Bildschirm. Vor Gesichtern und Sätzen. Verstehen Sie? Vor. Fremdheitserfahrungen im eigenen Zimmer. Ich falle nicht auf. Ich falle vor, ich bin ein Vorfall. Ich verliere mein Ich im Spiegelkabinett meiner Wände. Nicht einmal ein Wer. Nur mehr ein Was. Wie ein Wort, das man wiederholt; und wiederholt; und wieder holt; und wie der holt; undwi ederho lt; bis es sich selbst nicht differenziert. Es wird vom eigenen Gewicht bezwungen. Es wollte mal etwas bedeuten. Aus eigener Kraft kann es das nicht mehr. Aber niemand da.

Laufe los, dort den Bach entlang. Deine Fersen nehmen die kleinen Steine mit und entlassen sie in die Luft zum Tanz. Schritt für Schritt. Es rasselt. Das nimmst du gar nicht wahr, denn du bist nicht bei deinen Füßen. Du bist nicht bei dir. Nur Energie, wie dieser Bach. Ein unbewegter Beweger deiner Gliedmaßen.