Daß jede Gestalt der Philosophie, unterschieden von den Wissenschaften, der einmütigen Anerkennung aller entbehrt, daß muß in der Natur ihrer Sache liegen. Die Art der in ihr zu gewinnenden Gewißheit ist nicht die wissenschaftliche – nämlich die gleiche für jeden Verstand – sondern ist eine Vergewisserung, bei deren Gelingen das ganze Wesen des Menschen mitspricht. – Karl Jaspers

Oder wie es bei Nietzsche zu finden ist: es geht um die Einverleibung. Der Leib ist die größte Weisheit.

tanzPARADIGMA

Ich besuchte vor kurzem eine Aufführung von PARADIGMA, ein Ballettabend, choeographiert von Russel Maliphant, Sharon Eyal und Liam Scarlett zur Musik von Barry Adamson, Ori Lichtik und Sergej Rachmaninow. Ich war ergriffen. Jedes Mal aufs Neue stellen sich mir die gleichen Fragen beim Zuschauen, aber in anderer Weise, als ich sie mir Zuhause stellen könnte. Im traditionsreichen Opernhaus zu sein, ist an sich Anlass, sein Denken zu ver-stehen. Ich habe mich dem alltäglichen enthoben. In den prunkvollen Wandelhallen findet ein Schaulaufen statt. Eine der Gardienne arbeitet an ihrer Performanz, um ihrer offenbar zwanghaften Nervosität Luft zu verschaffen. Sie stakst, tänzelt, berührt Dinge, als gäbe es Linien im Raum, denen sie Folge zu leisten hat. Ihr Gesicht: stumm. Ich trete in den Saal. Es ist keine herrschaftsfreie Umgebung, die Hierarchien sind eindeutig an den Sitzen abzulesen, allen voran die Königsloge zwischen den meterhohen Statuen. Ich setze mich. Hinter mir Stehplätze, ausgestattet mit einem bauchhohen Geländer für den über Stunden immer müder werdenden Oberkörper. Auch die Stehplätze sind nummeriert, was mir nicht aufgefallen wäre, wenn nicht pro Platz das Samt an den Wänden von den daran gedrückten Hintern abgerieben wäre. Löcher der physischen Ermüdung von Leib und Material. Doch getragen werden alle Zuschauerinnen und Zuschauer von der Energie des Tanzes, egal auf welchem Platz. Für einen kurzen Moment blitzt die Illusion auf, dass wenigstens alle in diesem Saal gleich sind. Bis zum Zeitpunkt, an dem man merkt, dass man vom eigenen Platz gar nicht die ganze Bühne sehen kann. Für diese Fragen bin ich aber nicht hier.

Im Tanz drückt sich mir eine unbegriffliche Sehnsucht aus. Ein Körperverständnis, das mir transzendent leuchtet. Die Tänzerinnen und Tänzer strahlen in alle Richtungen ab, blenden den biologischen, den physikalischen Menschen. Entgeht mir etwas am Menschsein, weil ich selbst nicht tanze?

https://www.staatsoper.de/stuecke/paradigma

Sie lag in ihrem Bett. Neujahr. Keine Vorsätze. Nur zerhackte Bruchstücke einer Sprache, die sie seit ihrer Kindheit immer missverstand. Sie bewegte sich kaum, während sie aus dem Fenster starrte und den Wolken dabei zusah, wie sie Stunde um Stunde dunkler wurden, bis es Nacht war. Sie hatte gestern zu viel getrunken, das schon, aber das erklärte nicht das hohe Gewicht, das sie in die Matratze drückte. Ein Blick auf die Uhr. Alles bedeutete etwas. Der Schmerz. Sie spürte Schmerz. Es war der Schmerz zukünftiger Jahre. Die Jahre, in der alle ihre Freunde, all ihre Familie diese Welt bereits verlassen hatten. Wo war ihre Würde, wo die Philosophie? Was erinnerte sie daran, dass es kein Leben ohne Tod gäbe? Sie selbst. Aber das half nichts gegen die Endgültigkeit des Todes. Wissen kleiner Last. Sie dachte über Selbstmord nach. Merkwürdig, nicht? Wie dieser Satz nur missverstanden werden konnte. Sie wollte sich nicht umbringen: keine Vorsätze für das neue Jahr. Sie konnte auch nicht ausschließen, dass eine Psychologin ihr Zwangsgedanken unterstellte. Aber das war gerade nicht wichtig. Wichtig war, dass alle sterben werden. Alle.

Ich suche nach Denkbildern, die den Fluss nicht behindern. Die Emulsion könnte eines sein. Wenn Substanzen aufeinander treffen und sich scheinbar grenzenlos miteinander verbinden, ohne dasselbe zu sein und zu werden. Etwas Anderes formen, sich gleichsam wieder voneinander trennen können, verflüssigen und verflüchtigen. Die semantische Offenheit des Bildes soll seine dichte bedingen.

Ich sitze. Nicht in einer Tagung. Vor einer Tagung. Vor einem Bildschirm. Vor Gesichtern und Sätzen. Verstehen Sie? Vor. Fremdheitserfahrungen im eigenen Zimmer. Ich falle nicht auf. Ich falle vor, ich bin ein Vorfall. Ich verliere mein Ich im Spiegelkabinett meiner Wände. Nicht einmal ein Wer. Nur mehr ein Was. Wie ein Wort, das man wiederholt; und wiederholt; und wieder holt; und wie der holt; undwi ederho lt; bis es sich selbst nicht differenziert. Es wird vom eigenen Gewicht bezwungen. Es wollte mal etwas bedeuten. Aus eigener Kraft kann es das nicht mehr. Aber niemand da.

OLA TV und Philosophie

Liebe Freunde der Weisheit,

der Regisseur Walter Steffen, zuletzt nominiert für den UNESCO Weltnaturerbe Filmpreis für seinen dokumentarischen Film Alpgeister, hat mich vor einiger Zeit in einem Gespräch gefragt, ob ich nicht Lust hätte etwas Philosophisches für sein neues Format OLA TV zu erschaffen. Es ist ein Streamingsender für das bayerische Oberland. Über diese Einladung habe ich mich sehr gefreut und im Zuge dessen ist PHILOCOLLAGE entstanden.

Viel Freude beim Anschauen.

Film der Woche auf OLA TV: PHILOCOLLAGE von David Westphal

Mir schwindelt. Zwischen dem Rauch eines Räucherstäbchens, Opium, sehe ich Zeichen. Meine Sicht ist eingeschränkt, mein Blick eine Schöpfung. Im Sehen werden Körper Gestalten. Es schwindelt mich. Mythologische Falten wachsen; bis sie sich ob ihres eigenen Gewichtes einfalten, umfalten, ihren eigenen Gehalt umwerten und gestalten. In einer Entfaltung kommen wir ihr nicht auf den Grund. Überall ist das Chaos. Es ist. Es ist unglaubwürdig. Verstehst du mich? Das Chaos ist des Glaubens nicht würdig. Dort. Ein Pfahl. Er ist brauchbar und stabil. Kneife ich die Augen zusammen, flimmert er, wie alles, wie ätherisch. Pseudo ist es. Damm damm, damm damm. Meine Augen sind Blickfalten. Deine auch? Mein Tunnelblick.
Ich schwindle.

Zukunftsfähigkeit

„Das Wirkliche ist Prozeß; dieser ist die weitverzweigte Vermittlung zwischen Gegenwart, unerledigter Vergangenheit und vor allem: möglicher Zukunft.“
– Ernst Bloch

Eine Schülerin sitzt in der U-Bahn. Sie möchte demonstrieren an diesem Tag für die Zukunft, dem Friday for Future. Sie ist klein, sie ist alleine unterwegs, aber sie hat große Ideen, die sie mit vielen Menschen teilen wird, dort, auf diesem Demozug. Manche werden still mitlaufen, so wie sie, manche werden tanzen und Schilder mit Protestsprüchen hoch halten, andere werden versuchen, laut zu sein:

Wir sind hier
Wir sind laut
Weil man uns die Zukunft klaut.

Vor 10 Jahren hätte man dieser Schülerin noch vorgeworfen, sie wäre unpolitisch, sie hätte null Bock. Jetzt wirft man ihr vor, hysterisch zu sein und nur die Schule schwänzen zu wollen. Das ist ihr egal. Es interessiert sie nicht, dass sie auf eine Generation folgt, die noch nie so wie zu vor an den Arbeitsmarkt angepasst war. Dass die Generation vor ihr auch Zukunftsangst hatte, allein wenn eine 4 im Zeugnis stand und Personaler genau hinschauen. Ohne es zu wissen oder zu wollen, hat diese Schülerin eine Globalperspektive eingenommen. Es geht nicht um ihre Zukunft als Bankkauffrau, es geht um unsere Zukunft, die Zukunft von allen, von allem. Noch immer wird Wachstum gepredigt. Die Schere zwischen arm und reich spreizt sich erwiesenermaßen beträchtlich und zunehmend, insbesondere wenn man das globale Nord-Süd-Gefälle einbezieht. Die Temperaturen steigen. Die Wetterkatastrophen nehmen zu und werden intensiver. Die Automobilindustrie beklagt Verluste. Nein, sie beklagt keine Verluste, sie beklagt, dass ihr Gewinn geringer ist, als zum selben Zeitpunkt im Vorjahr. Alte, weiße Männer sagen, das gibt es gar nicht: Menschen gemachten Klimawandel. Aber ihr ist klar, in aller Naivetät und darum um so umfassender: Das Ende der Welt ist das Ende von allem und jedem. Jedes Tier, jede Pflanze, jeder Mensch, jeder Autofahrer, jede Politikerin. Nichts bleibt übrig. Man beraubt sie um eine ganz besondere Fähigkeit: der Zukunftsfähigkeit. In dieser speziellen Krise fehlt das noch Nicht. Das Prinzip Hoffnung droht zu versiegen. Es ist der globalen Politik- und Wirtschaftselite zu verdanken, dass TINA alles auffrisst. TINA ist das Akronym für There is no Alternative, es gibt keine Alternative. Dieses Ungeheuer, was kaum mehr als eines von vielen Narrativen wäre, hätte es nicht die zentrale Aufgabe, alle anderen auszustechen, wuchs die letzten Jahrzehnte beständig. Sie bürgt für eine Zukunft ohne Möglichkeiten. Nun beschweren sich jene Politik- und Wirtschaftseliten, und mit ihnen ein solides Arbeiter-, Faschisten-, Ideologen- und Skeptikergefolge, dass der Klimaschutz so ausschließlich formuliert wird. Dass er sie ausschließt und ihre Gewinne, ihr Volk und ihren Arbeitsplatz bedrohe. Die eigentliche Klimawahrheit ist, dass viel mehr Jobs um die regenerativen Energien verloren gegangen sind, als es in der Kohleindustrie möglich wäre, weil sie benachteiligt werden; dass ganze Dörfer und ihre Traditionen vernichtet wurden, um Braunkohle abzubauen; dass das E-Auto jetzt schon Auslaufmodell ist, bevor man es richtig begonnen hat zu fördern. Derlei Wahrheiten gibt es viele. Ihre Lobby sind all die Schülerinnen und Schüler der Fridays for Future und ihre Sympathisantinnen und Sympathisanten. Es gibt eine Alternative. Es gibt den Abglanz einer Utopie in unserer Gegenwart. Er flimmert. Es ist der Versuch, sich seine Zukunftsfähigkeit gemeinsam zurück zu erlangen. Was Ernst Bloch als philosophische Tatsache herausgearbeitet hat, muss gerade mühselig erhalten bleiben: der Prozess des Wirklichen, damit er nicht stehen bleibt. Das ist die Stärke der Schülerin, die auf dem Weg zur Demo ist. Sie hat kein Einkommen, keine politische Macht, keine Druckmittel; sie ist still, klein und jung. Aber sie ist Utopistin. Sie sieht, dass es unmöglich ist, so weiter zu machen, wie bisher. Sie ist Kritikerin des Bestehenden und des Vergangenen, das sehr viel unerledigtes zurückgelassen hat. Sie muss die Welt nicht in einer Gesamtheit durch Zahlen vor sich ausgedrückt sehen, denn die Welt gibt ihr Anlass genug zu denken und aufzustehen; die Welt denkt sich in ihr, weil sie offen dafür ist und deshalb versucht sie, ihr zu scheinen, ein Licht zu sein.

Fridays for Future
March for our Lives
Und all den anderen
Danke

www.erkenntnispraxis.de

23.

Die Vernunft war lange Zeit der Primat der Philosophie: höchste Form des Denkens, allgemein zugänglich und allgemein menschlich. Trotz aller Vernünftelein ist doch nach allen verfügbaren Maßstäben erheblich viel Unvernunft in der Welt. In Wirklichkeit ist die Imaginationskraft viel leichter zugänglich und in starkem Sinne allgemein menschlich. Eine Philosophie, die eine aufrichtige Freundschaft zu Sophia führen möchte, muss sich diesem Vermögen mindestens so stark widmen, wie der Vernunft und zwar im Gegenstand, wie auch in der Anwendung. Dann geht die Philosophie endlich wieder alle Menschen etwas an und der Elfenbeinturm kann abgerissen werden. Menschen wissen, wie man ohne Obdach überlebt, nur Philosophen müssen das noch lernen.