Daß jede Gestalt der Philosophie, unterschieden von den Wissenschaften, der einmütigen Anerkennung aller entbehrt, daß muß in der Natur ihrer Sache liegen. Die Art der in ihr zu gewinnenden Gewißheit ist nicht die wissenschaftliche – nämlich die gleiche für jeden Verstand – sondern ist eine Vergewisserung, bei deren Gelingen das ganze Wesen des Menschen mitspricht. – Karl Jaspers

Oder wie es bei Nietzsche zu finden ist: es geht um die Einverleibung. Der Leib ist die größte Weisheit.

P.s Blatt. Eine Posse

Morgens um fünf Uhr begann die Invasion. Als Oberbefehlshaber des Militärs stand es ihm frei, den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Der richtige Zeitpunkt war jetzt.

Eigentlich wusste er gar nicht, wie das geht: Krieg führen. Vor sich drückte er ein paar Knöpfe, telefonierte mit dem Vorzimmer: noch keine Reaktionen aus dem Ausland. Kein Wunder. Viel zu früh. Die anderen schliefen bestimmt noch.

Er war aufgeregt; sehr! Eigentlich arbeitete er schon seit Jahren darauf hin. Er war nicht immer konsequent, manchmal drängten sich andere Projekte in den Vordergrund. Da war diese Finanzkrise – viel zu kompliziert! –, das Aufbegehren der Homos – was wollten die eigentlich nochmal? –, seine neue Band – nie den richtigen Sound gefunden…

Es war nicht einfach. Erst ist er am Mikrofon gewesen, er hatte schließlich eine mordsgute Endstufe! Aber sie waren sich schnell einig: wenn sie an den Erfolg von den Scorpions anknüpfen wollten, dann durfte er nicht singen. Also nahm er die Gitarre in die Hand. Seine erste Gitarre hatte er sich damals von seinem Preisgeld eines Judowettkampfes gekauft. Sie war wundervoll, schlanker Hals, flache Saitenlage, aber einfach zwei linke Hände (oder zwei rechte, das war auch schon egal). Sie versuchten es trotzdem, denn eigentlich wollten sie schon zusammen spielen und nicht noch jemanden vorsprechen lassen müssen. Bruderschaft war wichtiger, als Erfolg! Die Ernüchterung stellte sich leider auch so ein, gar nicht überraschend eigentlich. So blieb ihm nur eine Möglichkeit: seine Macht als präsidialen Führer nutzen und den Medien auftragen, seine neue Band und ihn in ein gutes Licht zu rücken. Sie konnten sich kaum retten vor Anfragen! Durfte natürlich niemand erfahren, dass sie gar nicht richtig spielen konnten (auch noch wegen ihm!). Gab also keine Auftritte, nur Talkshows, ein paar geschönte Aufnahmen und ein Musikvideo (Eurobitches zwischen antiken Amphoren, das war sein Stil).

Nun also Krieg. Er wippte beschwingt auf seinem Sessel, drückte seine Backen ins Polster und schaute selbstzufrieden durch den Raum. Sein eigener Warroom. Die Generäle würden sicher bald kommen. Über seinen Rücken fuhr ein wohliges Kribbeln. Er fühlte sich gut und nickte mit Anerkennung ins Leere.

Das Ziel war klar – aber Verschlusssache. Nur wenige Menschen aus seinem Umkreis wussten davon, doch einer wusste es genau: W. Es begann vor dreißig Jahren, als sie noch in einer Nachbarschaft gewohnt hatten. Sie waren um die zwanzig Jahre oder so, ist eigentlich auch nicht wichtig. Jünger jedenfalls als heute. Und sie stritten. Leidenschaftlich! Es ging immer um dasselbe Blatt weißes Papier, bis heute. Bis jetzt. Nun würde er es sich mit all seiner Härte zurückholen. „Wären doch nur meine Riffs so hart gewesen wie das Donnern meiner Panzer“, dachte er bei sich.

tanzPARADIGMA

Ich besuchte vor kurzem eine Aufführung von PARADIGMA, ein Ballettabend, choeographiert von Russel Maliphant, Sharon Eyal und Liam Scarlett zur Musik von Barry Adamson, Ori Lichtik und Sergej Rachmaninow. Ich war ergriffen. Jedes Mal aufs Neue stellen sich mir die gleichen Fragen beim Zuschauen, aber in anderer Weise, als ich sie mir Zuhause stellen könnte. Im traditionsreichen Opernhaus zu sein, ist an sich Anlass, sein Denken zu ver-stehen. Ich habe mich dem alltäglichen enthoben. In den prunkvollen Wandelhallen findet ein Schaulaufen statt. Eine der Gardienne arbeitet an ihrer Performanz, um ihrer offenbar zwanghaften Nervosität Luft zu verschaffen. Sie stakst, tänzelt, berührt Dinge, als gäbe es Linien im Raum, denen sie Folge zu leisten hat. Ihr Gesicht: stumm. Ich trete in den Saal. Es ist keine herrschaftsfreie Umgebung, die Hierarchien sind eindeutig an den Sitzen abzulesen, allen voran die Königsloge zwischen den meterhohen Statuen. Ich setze mich. Hinter mir Stehplätze, ausgestattet mit einem bauchhohen Geländer für den über Stunden immer müder werdenden Oberkörper. Auch die Stehplätze sind nummeriert, was mir nicht aufgefallen wäre, wenn nicht pro Platz das Samt an den Wänden von den daran gedrückten Hintern abgerieben wäre. Löcher der physischen Ermüdung von Leib und Material. Doch getragen werden alle Zuschauerinnen und Zuschauer von der Energie des Tanzes, egal auf welchem Platz. Für einen kurzen Moment blitzt die Illusion auf, dass wenigstens alle in diesem Saal gleich sind. Bis zum Zeitpunkt, an dem man merkt, dass man vom eigenen Platz gar nicht die ganze Bühne sehen kann. Für diese Fragen bin ich aber nicht hier.

Im Tanz drückt sich mir eine unbegriffliche Sehnsucht aus. Ein Körperverständnis, das mir transzendent leuchtet. Die Tänzerinnen und Tänzer strahlen in alle Richtungen ab, blenden den biologischen, den physikalischen Menschen. Entgeht mir etwas am Menschsein, weil ich selbst nicht tanze?

https://www.staatsoper.de/stuecke/paradigma

Sie lag in ihrem Bett. Neujahr. Keine Vorsätze. Nur zerhackte Bruchstücke einer Sprache, die sie seit ihrer Kindheit immer missverstand. Sie bewegte sich kaum, während sie aus dem Fenster starrte und den Wolken dabei zusah, wie sie Stunde um Stunde dunkler wurden, bis es Nacht war. Sie hatte gestern zu viel getrunken, das schon, aber das erklärte nicht das hohe Gewicht, das sie in die Matratze drückte. Ein Blick auf die Uhr. Alles bedeutete etwas. Der Schmerz. Sie spürte Schmerz. Es war der Schmerz zukünftiger Jahre. Die Jahre, in der alle ihre Freunde, all ihre Familie diese Welt bereits verlassen hatten. Wo war ihre Würde, wo die Philosophie? Was erinnerte sie daran, dass es kein Leben ohne Tod gäbe? Sie selbst. Aber das half nichts gegen die Endgültigkeit des Todes. Wissen kleiner Last. Sie dachte über Selbstmord nach. Merkwürdig, nicht? Wie dieser Satz nur missverstanden werden konnte. Sie wollte sich nicht umbringen: keine Vorsätze für das neue Jahr. Sie konnte auch nicht ausschließen, dass eine Psychologin ihr Zwangsgedanken unterstellte. Aber das war gerade nicht wichtig. Wichtig war, dass alle sterben werden. Alle.

Du gehst immer schlechter
Deine Knochen spröde
Dünne Kalkschichten halten dein Mark

Du optimierst dein Gebrechen
Verwaltest dich risikoarm
Verklärst deine Schwächen

Weißt du nicht
Dass Gelenke wachsen dort
Wo es bricht

Wirst du es wagen

Oder nicht.

Ich suche nach Denkbildern, die den Fluss nicht behindern. Die Emulsion könnte eines sein. Wenn Substanzen aufeinander treffen und sich scheinbar grenzenlos miteinander verbinden, ohne dasselbe zu sein und zu werden. Etwas Anderes formen, sich gleichsam wieder voneinander trennen können, verflüssigen und verflüchtigen. Die semantische Offenheit des Bildes soll seine dichte bedingen.