Geistheilung. Eine Komödie in 3 Akten (1/2)

Geistheiler Hannes Ranz, dicke Brille, Mitte 60, einige Zähne fehlen, Österreichischer Dialekt
Heidi
Chor (Saalpublikum)

Ein kleiner Hörsaal (#5), zum Hauptmessesaal im Löwenbräukeller geöffnet, lauter Hintergrund, Hörsaal voll besetzt (ca. 20 – 30 Personen). Auf der Bühne ein Tisch, zwei Stühle. Auf dem Tisch der Koffer des Heilers. Die Bühne weist einen umständlichen Knick auf.

1. Akt

Ranz: Guten Abend. Mein Name ist Hannes Ranz, ich bin Geistheiler und Rutengeher. Was wir von unserer Umwelt sehen sind nur 10%, der Rest ist die Feinstoffliche Ebene. Sie ist aber ausschlaggebend für unsere Gesundheit. Sie gilt es zu beeinflussen.
Ich werde erst etwas von mir und meinem Leben erzählen; das war nicht immer schön, aber jetzt geht es mir schon seit 30 Jahren gut. Dann werde ich, sofern sich jemand mit einem Wehwechen findet, eine Heilung hier vor Ort vornehmen und im Anschluss noch eine fantastische Meditation, wenn das für euch in Ordnung ist. Ist das für euch in Ordnung?
Chor: Ja.
Ranz: Ist das für euch in Ordnung?
Chor: Ja!
Ranz: Gut.
Also, wer würde sich bereit erklären, wer hat ein Wehwechen, um das wir uns heute kümmern können? Ich bin jetzt schon seit 30 Jahren schmerzfrei, davor hatte ich immer etwas – mit dem Rücken oder so –
Heidi steigt aus dem Chor empor
Heidi: Ich.
Ranz: Komm doch bitte vor.
Heidi kommt nach vorne und betritt das Parkett.
Ranz: Was hast du? Ich darf doch du sagen.
Heidi: Natürlich. Ich habe Nackenschmerzen.
Ranz bittet eine Dame aus der ersten Reihe des Publikums auf ihren Nachbarstuhl zu rutschen, damit Heidi ihren haben könne – neben ihr sind zwei Stühle frei. Dann bemerkt er, dass hinter ihm, rechts hinten auf der Bühne ein Stuhl steht. Nachdem Heidi sich platziert hatte, kommt er jedoch nicht mehr mit dem Stuhl um den Knick herum. Ein eigenwillig peinliches Gerangel, bis sie sich endlich gegenüber sitzen – unbemerkt: dass hinter ihm am Tisch ein weiterer Stuhl stand, den er mit Leichtigkeit hätte nehmen können.

2. Akt

Ranz: Heide. Warum sitzt du hier?
Heidi: Weil du gesagt hast, ich soll mich hier her setzen.
Chor lacht
Ranz: Na, aber du hast doch einen Grund, dass du hier vorgekommen ist.
Kurze Pause
Heidi: Ich habe Nackenschmerzen.
Ranz: Gut – also nicht gut. Wo genau tut es weh?
Heidi schiebt ihre Haare hin und her, um mit ihren Händen richtig anzeigen zu können, wo es schmerzt. Ranz steht auf und holt ein unerklärtes Geräte aus seiner Tasche. Ein Schwengel mit Griff und einer Holkugel vorne dran. Der Mittelteil ist lang und sehr flexibel. An der Unterseite des Griffs geht ein Kabel zu einem kleineren Holzgriff mit einem Kupferkontakt hinab. Jener Schwengel soll die betroffenen Stellen anzeigen, Ranz geht offenbar davon aus, das Publikum ist mit der Funktionsweise vertraut. Er hält den Schwengel an betroffene und unbetroffene Stellen. Manchmal dreht er dann den Schwengel heftig im Kreis, manchmal nur wenig und einige Male garnicht. Ein Muster ist nur schwer erkennbar. Immerwieder fragt Ranz zwischen, wo genau es weh tut, als sei er sich nicht ganz sicher, ob sein Schwengel den richtigen Output liefert.
Ranz (An den Chor): Geistheilung, das bedeutet, die körperlichen Schmerzen auf eine geistige, göttliche Ebene zu heben und sie dort zu heilen. So wird der Körper gesund. Ich gebe keine Heilgarantie, das kann ich auch nicht. Das ist nicht meine Entscheidung. Steh bitte auf.
Pause
Ranz: Steh auf.
Pause
Chor lacht, Heidi wirkt abwesend.
Ranz (gespielt genervt): Aufstehen!
Heidi schrickt etwas auf, steht auf.
Heidi: Achso.
Ranz schwengelt ihren Rücken entlang und spricht davon, als habe er etwas bewiesen – freilich meint er die Lokalisierung des Schmerzes – vielleicht noch mehr – nur verstanden hat es niemand. Ranz legt seinen Schwengel zur Seite, beide setzen sich.
Ranz: Du hast also Schmerzen im Nacken.
Heidi: Ja.
Ranz: Was ist die Diagnose?
Heidi: Es ist eben hier so am Nacken, an der Nackenwirbelsäule, wie eine Skoliose.
Ranz: Gab es einmal einen Unfall?
Heidi: Nein.
Ranz: Vielleicht ein persönliches, schlechtes Erlebnis in ihrem Leben? Misshandlung?
Heidi etwas betreten
Ranz: Du musst das nicht erzählen.
Heidi schweigt grübelig
Ranz: Irgendwas schlimmes in deinem Leben?
Heidi: Naja, also sicher gab es da das ein oder andere.
Ranz: Dann lass uns einen Auftrag formulieren (zum Chor) man braucht ja einen Auftrag um zu arbeiten. Was ist dein Auftrag?
Heidi wieder betreten
Ranz: Was willst du von mir?
Kurzes schweigen
Ranz: Na es gibt doch einen Grund, warum du hier bist.
Heidi: Ja also ich will, das mein Nacken nicht mehr weh tut.
Ranz (zum Chor): Ist das ein guter Auftrag?
Chor (durcheinander): Ja – Nein – das muss man ganzheitlich formulieren – passt schon – das ist doch nur das Symptom, nicht die Ursache —
Ranz (selbstzufrieden): Also kein guter Auftrag.
Heidi: Ja, ich weiß nicht.
Ranz (bohrend): Was ist mein Auftrag für dich?
Heidi: Ich will gesund werden –
Ranz (unterbricht): Na aber aber, wann trifft man Entscheidungen?
Heidi überlegt kurz
Heidi: Jetzt.
Ranz: Genau. Was ist also dein Auftrag?
Heidi versteht nicht.
Ranz (eine Antwort entlockend): „Ich bin
Heidi: gesund.“
Ranz: Na eben. Bescheiden, aber umfassend.
Alle lachen
Ranz: Gut, dann gib mir bitte deine Hände.
Heidi legt ihre Hände in seine
Ranz: Hier wird gleich Energie fließen, du, Heidi, wirst es auch spüren. Wenn ich dann gleich in Trance gehe (zum Chor) müsst ihr all eure Herzensliebe an Heidi senden, ich brauche eure Hilfe! Heidi, schließ bitte die Augen und denk an den schönsten Moment deines Lebens. Wenn du soweit bist, sage: jetzt.
Heidi schließt die Augen. Einige Momente vergehen, bis sie den schönsten Moment ihres Lebens abgerufen hat. Ranz drängt.
Ranz: Bist du so weit?
Heidi: Ja.
Ranz: Dann sag: jetzt.
Heidi: Jetzt.
Ranz (an Chor): Schickt jetzt eure Herzensliebe!
Ranz schließt ebenfalls die Augen. Einige Zeit geschieht nichts. Sie sitzen mit geschlossenen Augen, reglos, händehaltend. Der Messehintergrund ist laut. Der Chor schickt seine Herzensliebe.
Beide öffnen die Augen. Ranz erwartungsvoll, Heidi verwirrt. Sie beginnt ihren Hals zu bewegen.

Fortsetzung folgt…

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