Die Welt mag ich nur bei Nacht. Nein, sie ist dabei nicht friedlicher. Und ob sie gefährlicher ist, bezweifle ich. Aber sie ist genügsam. Die Nacht will nichts von dir, nur der Tag ist gierig. Der Tag stellt Anforderungen an dich. Menschen, die noch etwas Wichtiges von dir benötigen, rufen an. Du musst noch dringend etwas einkaufen. Doch vorher musst du noch zu deinem Arzttermin.

Die Nacht gehört den Mondsüchtigen. Sie wandeln, verrichten Tätigkeiten, aber ohne etwas damit erreichen zu wollen oder zu müssen. Sie interagieren miteinander aus reiner Lust oder reinem Trieb. Im Lunatismus darf die Sinnlichkeit Raum einnehmen, weil sie keinen Zwecken dient. Der Sinn des Lebens entfaltet sich im engeren Sinne erst zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Alles andere ist Arbeit.

Dirk: Sacki?

Miroslaw: Dark?

Umarmung, herzlich.

M: Natürlich treffen wir uns hier! Ist doch unglaublich, dass sich die nochmal für eine Welttourne vereint haben!

D: Ich konnte es auch gar nicht fassen! Hab mir natürlich gleich n Ticket rausgelassen.

M: Ich auch! Sofort an die Bandraumzeit gedacht.

D: Ja, das war einfach viel zu geil! Wenn wir nicht geprobt haben, haben wir gesoffen und die gehört. Hab das so vermisst, nachdem ich weggezogen bin.

M: Wszystko ma swój koniec, tylko kiełbasa ma dwa!

D: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!

Gelächter.

D: Du warst einfach der geilste Drummer! Ich dachte immer, du – ja, keine Ahnung. Machst halt das.

M: Ja, ich hatte noch n paar Projekte. So Porngrind, Prog Death, aber hat sich alles verlaufen.

D: Ja, schade! – Du hast doch dann Informatik studiert, gell?

M: Ja genau. Das hat mir auch vor allem die letzten Jahre richtig Spaß gemacht!

D: Seit wann bist du fertig?

M: Na so seit 3, 4 Jahren.

D: Und dann?

M: Ja, ich hab ja im Studium echt auch gebummelt, viel links und rechts geschaut, musste ja auch Kohle verdienen, wegen – ja du weißt schon…

D: Jaja, ich habs mitbekommen. Richtig mies…

M: Genau, aber dann hats mich halt voll gepackt, so auf fachlicher Ebene, verstehst du?

D: Na klar! Hätte nicht meinen Scheiß gemacht, wenn ich das nicht fühlen würde…

M: Eben! Und dann war ich fertig, hab auch gleich n Job gefunden.

D: Als Informatiker nicht so schwer, oder?

M: Ne, keine Ahnung, wahrscheinlich nicht. Ja und das mach ich jetzt seit dem, drei Jahre oder so.

D: Und was machst du da?

M: Ach, irgend n Bullshit, für den man mir n Haufen Kohle schenkt.

D: Wie man schenkt dir Geld?

M: Na das hab ich doch nicht verdient, erarbeitet, verstehst du? Niemand hat so viel Geld verdient. Ich bekomm es einfach aus irgendwelchen Gründen.

Kurzes Schweigen.

M: Weißt du, Dark – das klingt komisch, aber seitdem hab ich eigentlich keine Perspektive mehr. Keine Vision oder irgendwelche Ziele. Irgendwie wars das. – Deshalb kokse ich jetzt.

M: Willst du?

Ich betrachte Portraitphotographien von Fremden im Internet. Ich schaue ihnen tief in die Augen, ohne dass sie es wissen; fahre ihnen durch das Haar, berühre ihre Lippen. Nicht einmal die Algorithmen wissen von unserer Intimität. Gestern habe ich mich in eines dieser Photographien verliebt. Ich hielt es mir besonders lange vor Augen. Es war das Absterben dieses Lebens, der Sinn ihrer Entropie, den ich aufspüren wollte.

Heute Morgen wachte ich auf, schaute auf das Handy. Da war es, dieses Gesicht, überzogen von Zellen, Keimen und Faszination und Liebe. Ich fand heraus, dass es ein KI-generiertes Gesicht war. Ein Gesicht, erzeugt aus Mustern von milliarden Gesichtern. Ich verstand.

Traumlos erwacht mit
Geschlossenen Augen und
Krustensinnen


Sie gossen mir Mist
In den Hals verkorkten
Die Atmung am Tag


Nachts
Befragte ich das
Sogenannte Leben


Wie hälst du mich?

Ich bin davon überzeugt, dass man die Fragen nach Sinn des Lebens und Sinn von Leben unterscheiden sollte. „Was ist der Zweck des Lebendigen?„, und „Was ist ein sinnvolles Menschenleben?“ sind sehr distinkte Fragen. Gibt es überhaupt einen Zusammenhang? Die Knotenpunkte könnten anders beschaffen sein, als erwartet.