-Was soll ich graben, wo die Erde flach ist?

-Aber die Erde ist rund.

-Dann bleibt nur im Kreis laufen.

Kurierprotokoll #8

Ich fahre jetzt ein Bahnrad auf der Straße. D.i. ein Fahrrad, dessen Antrieb fest miteinander verbunden ist. Trete ich nach Vorne, fährt es vorwärts, trete ich nach hinten, fährt es rückwärts. Man sagt, das Fahrradfahren verlernt man nicht. Das scheint ein körperphilosophisches Axiom des Alltags zu sein. Ein Bahnrad hingegen ist die Möglichkeit, Radfahren neu zu erlernen und wenigstens an diesem Axiom zu rütteln. Wann hast du dich zuletzt getraut, etwas von Grund Auf neu zu erlernen und dich damit raus zu wagen? Wann hast du damit aufgehört? Hängt es damit zusammen, dass du den ganzen Tag sitzt und auch in deinem Kopf immer bequemer wirst?

Kurierprotokolle #6

Es gibt unterschiedliche Maschinen. Die Apathischen, die dich verstümmeln; und die Prothesen, die dich aufbauen. Die Apathischen findest du in der Industrie. Sie sind Machtinstrument gegen deine Integrität. Sie müssen dich brechen, damit du weiter in deinem Schlachthof arbeitest. Vergiss dabei nicht, dass die Maschinen deine Verbündeten sind. Jene, die dein Fließband produzieren, sind das Problem – und übrigens auch keine Vorbilder, sondern im intimsten Fall dein Feind. Denn was da fließt auf dem Fließband, sind nicht die extatischen Ströme deines Körpers. Du stehst still. Es ist der Strom der Warenproduktion, der kapitalistische Orgasmus. Das Fahrrad hingegen gehört zu den Prothesen, es macht uns zu Prothesengöttern. Die Fahrradmaschine lässt uns in den öffentlichen Raum eindringen und den Autoverkehr stören. Mit ihr sind wir schön. Unser Strom in den Beinen bringt uns in den Fluss der Stadt. Wenn wir ausreichend viele sind, bestimmen wir, wie die Stadt fließt. Doch das Unbehagen in der Kultur wird bleiben.

Ein Experiment nach Theweleit: Männerphantasien; Freud: Das Unbehagen in der Kultur; Deleuze/Guattari: Der Anti-Ödipus.

Letzte Woche hatte ich ein Gespräch mit einer Frau Anfang 40. Sie war der Überzeugung, dass die „wahren Werte langsam verloren“ gehen. Nachdem sie das gesagt hatte, habe ich vor ihre Füße gekotzt. „Das macht man nicht!“, rief sie. „Wahre Werte sind eine Machtmaschine, die dir das einredet“, antwortete ich stückig.

Die Zwischenwelt der Holobiente

Zur documenta fifteen hat das Kunstkollektiv La Intermundial Holobiente um die Künstlerin Claudia Fontes, die Philosophin Paula Fleisner und den Schriftsteller Pablo Martín Ruiz versucht, einem Komposthaufen zu seinem Gehör zu verhelfen. Es legte sich beim Betreten von Seiten der Orangerie ein Theaterschein auf den Ausblick. Zum leichten Windzug waberte ein gigantisches, pointilistisches Transparent – und es war tatsächlich blickdurchlässig – mit dem Motiv des Anblicks auf den Ausblick. Es überlagerte ihn. Eine Wiederholung des Sichtbaren, dass das Besehene ständig veränderte. Es war an zwei Wetterballons und mehreren Erdhaken befestigt und dem Spiel des Windes ausgeliefert, jedoch träge. So träge sich die schweren mit Helium befüllten Wetterballons von der Luft bewegen ließen. Jede kleine Bewegung war eine Mikro-Wiederholung und plötzlich sah nichts mehr so aus, wie es zuvor war. Haben die Bäume und ihr imaginiertes Abbild ihre eigenen Fragen gestellt? Das sind die Holobiente. Alle Wesenheiten, auch die imaginären und bündnishaften, reagieren und fragen in Zwischenwelten hinein. Ein Projekt gegen den Anthropozentrismus.

In der Kassler Karlsaue besteht dieser große Sammelplatz für allerlei Garten- und Holzabfälle, die bei der Parkpflege anfallen. Es lohnt sich bestimmt, ihm zuzuhören, diesem großen Organismus, dessen Bewusstsein sich aus allen Prozessen und Organen zusammensetzt, die ihn ohne höheres Wesensprinzip bevölkern. Nicht anders als beim Menschen und doch grundverschieden. Wir wissen nicht, was es bedeutet, ein Komposthaufen in einer vormaligen Auenlandschaft zu sein; wir kennen nur die menschliche Artikulation aus Gesten, Mimiken und Sprache. Der Ausweg aus dieser Zentralstellung ist die Phantasie, die Vorstellungskraft für die Fragen und Aussagen des Nicht-menschlichen. Den Anthropozentrismus zu überwinden geht nur mit Kunst.

Es beschleicht mich eine Furcht, dass alles, was Zusammenhänge erklärt, alles, was die uns umgebende Welt besser verständlich macht, kapitalistisch ausgebeutet und abgegriffen werden wird. Deshalb soll meine Philosophie nichts erklären. Sie soll eine Verunsicherungspraxis sein und erschaffen.

Ich würde gerne eine Sprache sprechen, die immun ist gegen eine kapitalistische Vereinnahmung und infolge eine Abschleifung. Ich denke an Walter Benjamin, der sich für seine Begrifflichkeiten erhofft hatte, sie seien für den Faschismus untauglich (Walter Benjamin: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit“).

Aus dem Leben eines Flaschensammlers

Ein Flaschensammler hatte das Bedürfnis, mit mir über seine ökologischen Sichtweisen zu sprechen. Er hatte gesehen, wie ich den heruntergefallenen Kronkorken meines Bieres aufhob und wegsteckte. Er hielt das für überflüssig. Nachdem ich ihm erzählt hatte, dass es sich einfach nicht gehöre, vor die eigene Hütte zu scheißen, holte er aus zum Öko-Krieg: Wenn wir jene Länder mit unwiederbringlichen und unverzichtbaren Umweltressourcen, wie etwa den Amazonas, nicht militärisch unter Druck setzen würden, dann ginge unser Habitat ohnehin vor die Hunde. Er sah darin den Ausdruck natürlicher Auslese. Denn der Mensch sei seiner Ansicht nach der evolutionäre Abwehrmechanismus von Gaia, unserer Erde. Nachdem die ersten Lebewesen weitestgehend von Naturkatastrophen wie Meteoriteneinschlägen ausgelöscht wurden, musste ein Lebewesen entstehen, dass in der Lage sei, solche Katastrophen zu verhindern – zum Beispiel durch Technologie. Darin sah er die Bestimmung des Menschen, den Zweck von Technologie, und die Rekonstruktion des evolutionären Drucks. Leider hätte die Menschheit an einer Stelle in ihrer Geschichte eine falsche Abzweigung genommen, sie würde gerade ihre Bestimmung verfehlen.

Ich bin davon überzeugt, dass man die Fragen nach Sinn des Lebens und Sinn von Leben unterscheiden sollte. „Was ist der Zweck des Lebendigen?„, und „Was ist ein sinnvolles Menschenleben?“ sind sehr distinkte Fragen. Gibt es überhaupt einen Zusammenhang? Die Knotenpunkte könnten anders beschaffen sein, als erwartet.

Daß jede Gestalt der Philosophie, unterschieden von den Wissenschaften, der einmütigen Anerkennung aller entbehrt, daß muß in der Natur ihrer Sache liegen. Die Art der in ihr zu gewinnenden Gewißheit ist nicht die wissenschaftliche – nämlich die gleiche für jeden Verstand – sondern ist eine Vergewisserung, bei deren Gelingen das ganze Wesen des Menschen mitspricht. – Karl Jaspers

Oder wie es bei Nietzsche zu finden ist: es geht um die Einverleibung. Der Leib ist die größte Weisheit.